Über zwei Jahre nach dem Theaterstück „Walter Hohnsbehn“, bei dem für eine Gedenkplatte an der Satruper St.-Laurentius-Kirche und für einen Stolperstein gesammelt wurde, ist es nun endlich soweit:
Am 6. November 2026 wird vor dem Wohnhaus in der Flensburger Straße 64 ein Stolperstein für Hermann Jacobsen verlegt.
Da dies der erste Stolperstein in Satrup ist, wird Gunter Demnig, der Künstler, der 1992 das Projekt Stolpersteine initiiert und mittlerweile in fast ganz Europa über 100.000 Steine verlegen lassen hat, persönlich diesen Stein um 12 Uhr setzen.
Vorher wird es in der Aula des BGS eine Lesung von Jens Jacobsen, unserem ehemaligen Lehrer, zu Hermann Jacobsen geben. Jens Jacobsen hat in einer Satruper Chronik 2002 erstmals über Hermann Jacobsen geschrieben und so an dessen Schicksal erinnert.
Wir danken an dieser Stelle den Schauspieler*innen des Stücks „Walter Hohnsbehn“ für ihr Engagement und den Zuschauer*innen für ihre großzügigen Spenden!
Das Schicksal von Hermann Jacobsen aus Satrup
Hermann Jacobsen wurde 1890 in Estrupfeld bei Satrup geboren und arbeitete ab 1939 als Kirchendiener in der Satruper Kirche. Außerdem hatte er nebenbei eine Koppel von der Kirche gepachtet.
Er betrieb bis 1939 eine kleine Landwirtschaft und lieferte Milch und Molkereiprodukte, was ihm den Spitznamen „Hermann Melk“ einbrachte.
Ursprünglich hatte er Holzschuhmacher gelernt.
1921 kam er in den Besitz des Hauses Flensburger Straße 64, das zuvor eine Bäckerei gewesen war.
Hermann war mit Marie verheiratet und sie hatten zusammen drei Kinder.
In seinem Haus in der Flensburger Straße 64 bewohnte er das Erdgeschoss.
Eine seiner Mieterinnen war die Schneiderin Gertrud Schulz, mit der sich Familie Jacobsen anfangs gut verstand. Dann kam es allerdings zu Streitereien um Hühner.
Infolgedessen zeigte Frau Schulz Hermann Jacobsen aus persönlicher Rachsucht im November 1943 beim Amtsvorsteher Johannes Held an. Sie denunzierte Jacobsen, indem sie behauptete, Jacobsen habe gesagt, er habe Hitler nie gewählt, sich über ihn lustig gemacht, die Soldaten verspottet und außerdem kleine Betrügereien gemacht um Lichtgeld, die Nicht-Zählung seiner Hühner, fehlende Zahlungen für das Winterhilfswerk.
Held hatte die Anzeige zwar nach Schleswig an den Landrat weitergeleitet, doch bis Februar 1944 tat sich nichts, die Gestapo wurde nicht informiert. Wollte man nicht handeln? Vermutlich wurde Getrud Schulz noch mal aktiv, sodass der Flensburger Gestapobeamte Georg Petersen tätig wurde.
Am 8.2.1944 wurde Jacobsen verhört, am 11.2. in Flensburg in Haft genommen und dort von der Gestapo misshandelt und schließlich saß er ab dem 11.3.1944 in Brandenburg-Görden in Haft.
Am 6.6.1944 kam es zur Verhandlung wegen „Volkszersetzung“. Jacobsen hatte keine Chance, weil mittlerweile auch zwei Nachbarinnen Gertrud Schulz‘ Anschuldigungen bestätigten.
Sogar die NSDAP-Ortgruppe unter Lehrer Madsen ließ ein entlastendes Gutachten anfertigen, der Pastor Titzck schrieb ein Gnadengesuch, doch alles war umsonst.
Am 5. Juli 1944 reiste Marie Jacobsen zu ihrem Mann, brach aber bei seinem Anblick zusammen, so schrecklich abgemagert musste er ausgesehen haben.
Ein zweites Mal konnte sie sich die Reise nicht leisten.
Hermann schrieb ihr einen Abschiedsbrief:
„Du geliebte Mutti, solltest du diese Zeilen kriegen, dann bin ich nicht mehr…
Was ich alles habe durch machen müssen, wirst du nie erfahren und ist man auch gut.
Aber daß es viel gewesen ist, nehme ich an, daß du selbst festgestellt hast, als du mich sahst…
Du inngst geliebte Marie, wie ist es schwer, so schlechte(n) Menschen zum Opfer zu fallen…
Wenn Gott mir vergibt, so werden wir uns, liebe Mutti, im Himmel wiedersehen.
Gott der Allmächtige steht dir zu Seite und gibt dir Kraft und Hilfe. Ich bete nun mein letztes Vaterunser.
Dein Vati.“
Am 17. Juli 1944 beendete das Fallbeil das Leben von Hermann Jacobsen.
Gertrud Schulz wurde später zu drei Jahren Gefängnisstrafe verurteilt.
(Aus der Chronik „Satrup Das Herz von Angeln, 2002“, Satrups Geschichte von 1918 bis 1945 von Jens Christian Jacobsen)
Die Fotos unten zeigen eine KI-generierte Version des Stolpersteines mit der Originalinschrift sowie ein Familienfoto der Jacobsens. Es entstand bei der Hochzeitsfeier des ersten Sohnes, der ebenfalls Hermann hieß und Polizeibeamter in Kiel war. Hermann Jacobsen sitzt auf dem Foto und hat ein Kind auf dem Schoß. Neben ihm seine Frau Marie, Tochter Marga legt ihre Hand auf ihre Schulter. Links steht der zweite Sohn Helmut (Das Foto stammt ebenfalls aus der Chronik). Das letzte Bild zeigt das Haus. Der Stolperstein wird auf dem Geh- und Radweg mittig in Höhe der Haustür verlegt werden.
Stolpersteinverlegung_Hermann_Jacobsen_Ablauf (pdf)



